Theater in der Finsternis: Der Sturm
von William Shakespeare (1564-1616)
Von seinem heimtückischen Bruder Antonio vertrieben, landet Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, mit seiner Tochter Miranda auf einer Insel. Jahre gehen ins Land. Prospero, inzwischen zum mächtigen Zauberer und unein-geschränkten Herrn über die Naturgewalten geworden, sinnt noch immer auf Rache. Getreue Untergebene findet er in dem Luftgeist Ariel, den er aus einem Baum befreite, und in Caliban, der einst über die Insel herrschte.
Als Antonio und der Fürst von Neapel auf einer gemeinsamen Reise zufällig nahe der Insel vorbeisegeln, ergreift Prospero die Gelegenheit, Rache zu nehmen. Er befiehlt Ariel, einen Sturm zu entfachen. Vom Unwetter eingeholt, muss die Besatzung, Würdenträger und Gefolge, auf der Insel stranden. Prospero verfolgt derweil mehrere Ziele. Er will Miranda mit Ferdinand, dem Sohn des Fürsten, verbinden und seinen eigenen Titel wiedererlangen. Indes versucht Caliban sein Königreich, die Insel, die ihm Prospero nahm, zurückzugewinnen.
Im „Sturm“, Shakespeares wohl letztem, 1611 verfassten Schauspiel, verbindet der auf Prosperos Insel gestrandete Ferdinand das Bildnis des den Naturgewalten ausgesetzten hilflosen Menschen mit der Sehnsucht nach Erlösung durch die Kraft der unfassbaren Töne: Musik, wo ist sie? In der Luft, auf Erden?. Dem weinenden Schiffbrüchigen wird sie zur Lebensretterin: Beschlich mich die Musik her übers Meer, / So mildernd Wasserwut wie meinen Schmerz / Mit ihrem süßen Klang: da folgt ich ihr. Der Musik hat Shakespeare in seinem Werk stets eine bedeutende Rolle eingeräumt. Sie geleitet dort weiter, wo die Sprache endet.
Es ist das erste Mal, dass sich Theater so konsequent mit der Lichtlosigkeit auseinandersetzt. Die gewählte Tiefe und die Dunkelheit sind nicht zufällig, die Inszenierungsidee setzt auf Traumbilder, auf die Logik des Unbewussten, auf die Entfaltung der eigenen Fantasie und Vorstellungskraft. So werden sich Düfte, Geräusche und Worte gegenüber dem üblich inszenierten Bild behaupten, die Handlung und Dramaturgie hervorheben und stärker als gewohnt tragen.
Erhellende Erfahrungen in der Dunkelheit
von Franz-Josef Hanke
Blindheit ist ein bedauernswürdiger Zustand, aber eine unverzeihliche Haltung, hat der blinde Schriftsteller Bernd Kebelmann einmal formuliert. Viele Menschen mit Sehbeeinträchtigungen erleben die Blindheit ihrer Mitmenschen tagtäglich als rücksichtsloses Vorüberrennen oder ignorante Visualisierung von Informationen in allen Bereichen des Alltags. Der ›Röhrenblick‹ hat sich in der durchkommerzialisierten Gesellschaft breit gemacht. Jeder rennt rücksichtslos nur geradeaus auf sein eng eingegrenztes Ziel zu, ohne nach rechts oder links zu schauen. Mit den Ellenbogen stößt er dabei alle beiseite, die ihm in die Quere kommen.
Als Blinder beobachtet man diese Verhaltensweise beinahe zwangsläufig. Denn man ist immer wieder auf die Solidarität der Mitmenschen angewiesen. Häufig begegnet man aber auch sehr hilfsbereiten Zeitgenossen. Als Blinder macht man Erfahrungen, die Sehende niemals erleben können.
Eine Bäckerei erkennt jeder Blinde am Geruch der frischen Backwaren. Daran kann er auch ermessen, ob die Produkte dort einigermaßen empfehlenswert sind oder eher nicht. Aber auch der Zeitschriftenstand oder die Buchhandlung verströmen einen ganz eigenen Geruch, den man im Vorübergehen wahrnehmen kann. Papier und Druckerschwärze erzeugen jene besondere olfaktorische Kombination, die in den Regalen öffentlicher Büchereien mangels Massen an neuen Büchern oft schon ein wenig Patina angesetzt hat.
Das Sehen verleitet viele Menschen dazu, sich nicht mehr auf ihr Gehör, ihre Geruchswahrnehmung und den Tastsinn ihrer Fingerkuppen zu verlassen. Blinde hingegen sind dazu gezwungen, ihre Wahrnehmung auf solche Sinne zu konzentrieren. Wenn man sich auf sein Gehör verlässt, dann bemerkt man das Zittern der Stimme des Gegenüber. Man hört seine Unsicherheit oder die freundliche Zuwendung aus der Art, wie er spricht. Irgendwann hört man vielleicht sogar, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt.
Im völligen Dunkel sind auch Sehende gezwungen, sich auf andere Sinnesorgane zu konzentrieren als ihre Augen. Dann können sie sich zumindest ein kleines Stück weit in die Welt der Blinden hineinversetzen. Intensives Tasten, Schmecken, Hören und Riechen vermittelt vielen ganz neue Erfahrungen. Erstaunt stellen sie fest, dass auch ihre Nase noch Düfte wahrnehmen kann und ihre Ohren Geräusche hören, die ihre Augen lange beiseite gedrängt hatten.
Diese – im wahrsten Sinne des Wortes – ein-drucksvolle Begegnung mit der eigenen Wahrnehmung sollte indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass Blinde ihre Sinne angesichts der besonderen Notwendigkeit und der langen Dauer ihrer Auseinandersetzung damit ganz anders trainiert haben als Sehende.
Sehr weit verbreitet ist indes die falsche Vorstellung, Blinde hätten das absolute Gehör. Im Gegensatz zu diesem Irrglauben hören viele Blinde sogar schlecht. Doch sind sie meist sehr gut darin trainiert, die verschiedenen Geräusche im Alltag zu unterscheiden. Ich selbst gehe regelmäßig ins Theater und rezensiere die Aufführungen mit Hilfe einer sehenden Begleitung. Andere Blinde sind Stammbesucher im Kino oder im Fußballstadion. Das Meiste kann man hier hören, wenn man nur gut genug aufpasst.
Kultur gehört allen, ebenso wie Natur und Bildung. Vom unbequemen Rand aus drängen Behinderte daher in die Mitte der Gesellschaft. Sie wollen sehen, was man machen kann mitten unter den Mitmenschen.
Die ‚Normalen‘ aber können lernen, dass Sehen nicht alles ist. Die Augen werden ihnen übergehen, wenn sie sich in die optische Finsternis begeben und dann begreifen, dass Bernd Kebelmann mit seinem Spruch Recht hat.
Franz-Josef Hanke, geboren 1955 und im Alter von 23 Jahren allmählich erblindet, arbeitet seit 1986 als freier Journalist.
Premiere 19.09.2010
RegieMusik
Dramaturgie
Eva Bormann, Mareike Götza
Mitarbeiter
Matthias Schenk
Besetzung
Maria Isabel Fernandez Rodriguez, Angel Krastev, Stefan A. Piskorz, Christine Reinhardt, Sebastian Riese, Daniel Sempf