Hamlet

Hamlet

von William Shakespeare (1564-1616)

Deutsch von Angela Schanelec und Jürgen Gosch

Zu gut gedacht?


von Alexander Leiffheidt

Shakespeares Hamletfigur erscheint uns heute als ein Prototyp des modernen Menschen: Ein In-die-Welt-Geworfener, der sich zu seinem Dasein und zur Amoralität der Welt verhalten muss, der sich zugleich aber der Faktizität des kulturellen und gesellschaftlich Anerkannten radikal verweigert. Als Intellektueller – grüblerisch, introvertiert, unentschlossen – scheitert Hamlet in dieser Lesart letztlich an der Unmöglichkeit, jeden Zweifel an der Gültigkeit des eigenen Handelns auszuräumen. Was ihn dabei vor allem auszeichnet, ist seine beinahe übermenschliche Klarsichtigkeit: Hamlet, in den Worten des britischen ‚Shakespeareianers‘ Harold Bloom, denkt nicht zu viel, sondern zu gut. Allerdings stellt sich die Frage, ob wir in dem anscheinend so sauber aufgehenden Paradox des ‚handlungsunfähigen Handlungsträgers‘ nicht etwas Entscheidendes übersehen. Denn Hamlet handelt, ebenso wie wir: Weniger als die Handlungsunfähigkeit bestimmt uns als Menschen des 21. Jahrhunderts die ständige Notwendigkeit der Handlung. Auf uns selbst verwiesen, entwerfen wir uns unentwegt durch das Filtern relevanter Informationen, im Abwägen von Optionen, punktuell in der Entscheidung oder im Affekt. Wie bei Hamlet findet dieser Selbstentwurf dabei nicht im angenehmen Vakuum einer unbegrenzten Auswahl statt, sondern stattdessen in einem zutiefst angsterfüllten Raum, der durchzogen ist von der symbolischen Ordnung der Macht, des Kalküls und der Ökonomie.

Hamlets Verhalten zu dieser Ordnung ist zunächst die typische Reaktion des Paranoikers, dem in der Vision des Vaters das aus der Ordnung Ausgeschlossene als vermeintlich Reales wieder entgegentritt. Aber auch der paranoide Glaube an diese vermeintlich andere Wahrheit, die sich hinter der Scheinwelt des Claudius zu verbergen scheint, will Hamlet nicht gelingen. Dennoch handelt er – nicht weil er, so wie Ödipus, von tragischem Nichtwissen umschleiert ist, sondern gerade weil und obwohl er sich über die Unzulänglichkeit der ihn umgebenden Ordnungen im Klaren ist. In diesem Handeln wider besseres Wissen, das nicht zynisch ist, sondern in einem letzten radikalen Akt die Undurchdringbarkeit des Herrschenden in Frage stellt, zeigt sich vielleicht ein Hamlet für unsere Zeit.

Alexander Leiffheidt studierte in Erlangen, Berlin und Cambridge, war Mitbegründer und Leiter des ersten Festivals für Theater aus dem Südpazifik in Großbritannien.Ab 2010/2011 wird er Chefdramaturg am Hessischen Landestheater Marburg.

Inhalt

Hamlets Vater ist tödlich verunglückt. Kaum einen Monat später heiratet seine Mutter Hamlets Onkel Claudius, der zugleich auch die Machtposition des Verstorbenen übernimmt. Begräbnis und Hochzeit in so kurzem Abstand zueinander sind unschön, aber Eile ist dringend geboten: Das Nachbarland hegt Expansionspläne und in der Bevölkerung regt sich Unbehagen. Ein Vakuum an der Spitze des Staates muss um jeden Preis verhindert werden. So siegt Politik über Pietät.
Claudius’ diplomatisches Geschick wendet den drohenden Konflikt ab und das Gleichgewicht der Kräfte ist damit zunächst wieder hergestellt. Hamlet jedoch findet keine Ruhe. Sein Vater erscheint ihm, klagt, vom Bruder vergiftet worden zu sein, und fordert Rache. Hamlet zögert; entwirft Pläne zur Überführung des Mörders, stellt sich wahnsinnig, um Zeit zu gewinnen. Doch je länger er abwartet, desto größer werden die Zweifel, desto mehr verliert er die Kontrolle. Freunde stellen sich als Spitzel des Onkels heraus, Intrigen und Mordpläne umgeben ihn, selbst die Freundin Ophelia scheint Teil des Komplotts zu sein. Schließlich gibt es Tote. Hamlet schreitet zur Tat.

Autor

William Shakespeare wurde 1564 in Stratford-Upon-Avon geboren und starb dort im Jahre 1616. Er ist mit Abstand der meist gespielte Autor der europäischen Tradition und hat wie kaum ein anderer die Entwicklung von Theater, Literatur und Philosophie auf der ganzen Welt beeinflusst. Über sein Leben im elisabethanischen London ist allerdings trotz intensiver Forschungen wenig bekannt. Fest steht, dass Shakespeare ab 1599 mit seiner Truppe, den „Lord Chamberlain’s Players“, der Mitinhaber und Co-Direktor des Globe Theaters in London war. Hier wurden beinahe alle noch folgenden Stücke Shakespeares zur Uraufführung gebracht, so auch um das Jahr 1602 die Tragödie „Hamlet, Prinz von Dänemark“.


Premiere 17.09.2010

Regie

Gerald Gluth-Goldmann


Bühne

Martin Fischer, Johanna Fritz


Kostüme

Martin Fischer, Johanna Fritz


Dramaturgie

Alexander Leiffheidt



Besetzung

Ogün Derendeli, Uta Eisold, Johannes Hubert, Martin Maecker, Claudia Mau, Annette Müller, Thomas Streibig, Charles Toulouse


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